Papiersterne und eine neue Perspektive
Wilhelmshaven - "Das geht ganz schön schwer", stöhnt der fünfjährige Abanaub. Mühevoll kämpft er sich mit seiner Schere durch die dicken Lagen Butterbrotpapier. Die Faltung ist so konzipiert, dass daraus am Ende ein wunderschöner Papierstern entstehen soll - eine Vorstellung, die Abanaub noch nicht so ganz glauben kann. Doch schon eilt Karin Hentschel zur Hilfe und zeigt dem ihm geduldig, wie er die Schere richtig ansetzen muss. Als selbst Hentschel leichte Schwierigkeiten hat, den Stern zu entfalten, muss
Abanaub lachen.
Viele Menschen sind zum Adventsbasteln gekommen Das Café International ist ein wichtiger Anlaufpunkt: Hier helfen auchdie Integrationslotsen bei vielen unterschiedlichen Fragen. @Dirk Gabriel-Jürgens
Etwa 40 Teilnehmer besuchen an diesem Nachmittag das Adventsbasteln im Café International im Pfarrsaal der Christus-König-Kirche. Ziel ist die Förderung des interkulturellen Austauschs, der durch wöchentliche Treffen, Aktionen und Feste erreicht werden soll. Die Treffen werden dabei von Ehrenamtlichen betreut und oft durch die Teilnahme von Integrationslotsen des Caritasverbands unterstützt. Diese helfen geflüchteten Menschen, Orientierung in einer für sie völlig neuen Umgebung zu finden. Die Existenz des Integrationslotsen- Projekts war lange ungewiss, nun steht aber fest: für ein weiteres Jahr steht die Finanzierung.
Ein Ort der Begegnung
Beim Treffen gehe es um mehr als nur um das Basteln von Papiersternen. "Es geht darum, miteinander ins Gespräch zu kommen, Sorgen und Nöte loszuwerden oder einfach gemeinsam Zeit miteinander zu verbringen", sagt Dr. Monika Stamm, Leiterin der Koordinierungsstelle der Integrationslotsen der Caritas.
Die achtjährige Shaima ist eine von ihnen. Sie wohnt um die Ecke, ist heute alleine hergekommen. "Ich hatte Lust aufs Basteln", verrät sie. Die Ehrenamtlichen kennen das Mädchen gut und freuen sich, dass es da ist. Konzentriert malt sie einen der weißen Weihnachtsterne bunt aus, lässt sich in aller Ruhe ein paar Kekse schmecken.
Als Shaimas Mutter, Shamsia Mabano, dazukommt, zeigt ihr die Achtjährige stolz ihre Bastelarbeit. Die Familie stammt aus Burundi, einem Binnenstaat in Ostafrika, der zu den ärmsten Ländern der Welt zählt und sich bis heute kaum vom langen Bürgerkrieg erholt hat. Vor vielen Jahren flohen sie von dort. Weihnachten spielt in der Familie eigentlich eine untergeordnete Rolle, sagt Mabano. "Den Kindern zuliebe kommt aber der Nikolaus und auch einen Adventskalender wird es geben." Schließlich wachsen ihre Kinder in Deutschland auf. Ihre Tochter Shaima, die hier geboren wurde, fühlt sich in beiden Welten zu Hause. "Ich finde es toll, dass sie so aufwächst, von allen Kulturen etwas mitbekommt und völlig unbefangen da rangeht." Erst neulich sei die Achtjährige ganz alleine zum Gottesdienst in die Christus-König-Kirche gegangen. "Einfach, weil sie Lust hatte."
Freude über Fortsetzung
Von Afghanistan über den Irak und die Ukraine bis nach Eritrea - die Nationen der Besucher in den Projekten der Integrationslotsen sind vielfältig. "Viele kennen sich untereinander mittlerweile richtig gut", so Stamm. Ein großer Erfolg ist für sie, dass zahlreiche Menschen, die anfangs Unterstützung suchten, jetzt selbst zu Integrationslotsen geworden sind. Ein weiteres Jahr ist die Koordinierungsstelle der Integrationslotsen jetzt sichergestellt. Dank der Landesmittel des Caritasverbandes.
"Auch wenn die Mittel auf ein Jahr limitiert sind, bin ich sehr froh, dass wir es geschafft haben und quasi Zeit gewonnen haben", sagt Alexander Witton, Geschäftsführer des Caritasverbandes Wilhelmshaven.
Die achtjährige Shaima kommt fast jede Woche ins Café International. Auch beim Basteln wollte sie unbedingt dabei sein. @Dirk Gabriel-Jürgens
Die Entscheidung des Landes Niedersachsen im Sommer, Wilhelmshaven nicht mehr für den Integrationsfonds zu berücksichtigen und die Förderung 2026 ganz einzustellen, gefährdete zahlreiche Vorhaben, darunter auch das Projekt der Caritas. Obwohl die Freude über die Fortsetzung groß ist, betont Witton, bleibe eine Enttäuschung über Land und Kommune bestehen.
Der Geschäftsführer kritisiert, dass nach Bekanntwerden der Einstellung keinerlei weitere Kommunikation stattgefunden habe. "Wir sehen ja, wie wichtig dieses Projekt für die Menschen ist."
Quelle: Wilhelmshavener Zeitung von Kea Ulfers vom 28. November 2025