Wenn Protest lebensgefährlich wird
Wilhelmshaven - Ein Buch in einem Regal in Wilhelmshaven - und plötzlich ist die eigene Familiengeschichte ganz nah. Als Hermann Sunait ein englischsprachiges Buch aufschlägt, entdeckt er darin das Foto einer Orgel aus Donezk. Genau vor diesem Instrument hatte er als kleiner Junge in seiner damaligen Heimat gestanden.
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Hermann und Viktoriia Sunait leben seit zwei Jahren in Wilhelmshaven. Das Ehepaar stammt eigentlich aus Sankt Petersburg. Doch weil sie gegen das Regime protestierten und die Mobilmachung drohte, verließen sie Russland.@Dirk Gabriel-Jürgens
Doch die Geschichte der Orgel reicht noch viel tiefer. Ursprünglich stammt sie aus einer Kirche in Sankt Petersburg, in der der Ur-Urgroßvater seiner Frau Viktoriia einst als Pastor gewirkt hatte, bevor er unter Stalin erschossen wurde. Dass dieses Instrument alle Kriegswirren bis heute überstanden hat und ihm nun ausgerechnet hier, am Zufluchtsort in Wilhelmshaven, auf einer Buchseite wiederbegegnet, scheint ein unglaublicher Zufall. "Das war ein sehr emotionaler Moment", sagt Hermann Sunait. Doch das Paar gestaltet auch aktiv seine Zukunft in der neuen Heimat mit. Ehefrau Viktoriia hat vor Kurzem den Integrationslotsen-Kurs der Caritas erfolgreich abgeschlossen. Nun kann sie selbst anderen Menschen mit Migrationsgeschichte dabei helfen, hier Fuß zu fassen.
Freund wird verhaftet
Seit zwei Jahren leben Hermann und Viktoriia Sunait jetzt in Wilhelmshaven. Ihre Heimat ist eigentlich Sankt Petersburg, bis Russland 2022 die Ukraine überfällt. Das Paar engagiert sich schon lange vor dem Kriegsausbruch politisch und nimmt regelmäßig an Kundgebungen teil, die das Team rund um den Oppositionellen Alexej Nawalny organisiert.
Mit dem Kriegsausbruch ändert sich alles. Als ein Freund der beiden auf dem russischen Facebook-Äquivalent über die Kriegsverbrechen in Butscha berichtet, wird er kurz darauf verhaftet.
"Wir waren geschockt", erinnert sich die 34-Jährige. Spätestens mit der ersten großen Mobilmachung steht für Hermann Sunait fest, dass er das Land verlassen muss. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr gemeinsamer Sohn ein Jahr alt. Wie so viele junge Russen flieht Hermann über die Grenze nach Kasachstan.
Flucht nach Kasachstan
"An der Grenze standen nur Männer Schlange", erinnert er sich. Viktoriia bleibt derweil mit dem neugeborenen Sohn in Sankt Petersburg zurück. Der heute 39-jährige Hermann Sunait wird in Donezk in der Ukraine geboren, die damals noch zur Sowjetunion gehört; später zieht seine Familie in die Nähe von Sankt Petersburg. Als gelernter Holzbildhauer und Restaurator ist er für Privatkunden und Museen tätig, auch in Restaurierungswerkstätten am Katharinenpalast in Zarskoje Selo. Zudem arbeitet er in Oxford und in London. In Kasachstan kommt dann der Zufall ins Spiel. Er trifft einen flüchtigen Bekannten, dem als Orgelbauer Arbeit im Nordwesten von Deutschland in Aussicht gestellt wird. "Ich bin zwar nicht auf Orgeln spezialisiert, aber mit Holz kann ich natürlich umgehen", sagt Hermann Sunait. Er nimmt das Angebot an, mit nach Deutschland zu kommen.
Im Juli 2024 folgen ihm schließlich seine Ehefrau Viktoriia und der gemeinsame Sohn. "So sind wir in Wilhelmshaven gelandet", sagt Viktoriia, die selbst promovierte Ingenieurin ist.
Politik ist ein Tabu
Beide fühlen sich mittlerweile wohl in der Stadt. Wenn es die Zeit zulässt, singt Viktoriia in einem Hobbychor der St.-Willehad-Gemeinde. Ihr Sohn besucht einen Kindergarten, und die Familie hat Anschluss gefunden - auch zu Geflüchteten aus der Ukraine. Konflikte oder Schwierigkeiten gibt es dabei nicht.
Sowohl Hermann als auch Viktoriia haben deutsche Vorfahren.
"In meiner Familie wurde lange Deutsch gesprochen", erzählt Viktoriia. Schon in ihrer Jugend besucht sie eine deutsche Gemeinde in der Nähe von Sankt Petersburg und bastelt als junges Mädchen Adventskränze - ein Brauch, der in Russland völlig unbekannt ist. "Ich finde hier gerade meine eigenen deutschen Wurzeln wieder", sagt sie.
Trotzdem vermissen beide ihre Familien in Russland. Während Hermanns Mutter großes Verständnis für die Flucht der beiden aufbringt, ist die Situation bei Viktoriias Familie komplizierter. Ihre Verwandten sind stark vom staatlichen Propaganda-Narrativ geprägt. Um Konflikte zu vermeiden, spart man das Thema Politik bei Telefonaten deshalb meistens aus. Wie ihre Zukunft aussieht? Das wissen nicht. "Wir lernen, in einer Situation zu leben, in der langfristige Planung kaum möglich ist", sagt Viktoriia Sunait. Ob sie je nach Russland zurückkehren werden?
Wenn der Krieg vorbei ist und das Regime fällt - dann vielleicht.
Quelle: Wilhelmshavener Zeitung von Kea Ulfers vom 13. Juni 2026